
Was ist Politik? Politik kommt von polis, und das heißt Stadt und Staat, bedeutet und meint aber immer schon mehr als Stadt und Staat, es bedeutet Heimstatt als die Stelle, an der wir leben. Heute begreift man immer mehr, daß die menschliche Heimstatt die Erde ist, ein kleiner Planet in einem Sonnensystem an einem Seitenarm einer Galaxie aus Milliarden Sternen, einer Galaxie unter zahllosen anderen. Unser Planet ist ein pures Nichts im Universum, aber er ist unsere Heimat, er ist unsere Polis. Dafür, daß er uns das sein kann, ist alles trefflich bereitet. Was der Mensch zum Leben braucht, wird ihm von der Erde unter der lebensspendenden Sonne zuteil. Insofern ist unsere Erde ein politischer Planet, und Gott, der dem Menschen die Erde zu seiner Heimstatt gewährte, ist ein politischer Gott. Unglücklicherweise ist der Mensch kein politischer Mensch. Die Behauptung des Aristoteles, das er einer sei, hat sich als Irrtum erwiesen. Denn Politik müßte heißen, diese menschliche Heimstatt, Heimat zugleich für Pflanzen und Tiere, zu verwirklichen und zu bewahren. Politik müßte heißen, die Erde zu einer menschlichen Erde zu machen.
Was aber ist aus uns geworden? Was die Politik, die Politiker machten und machen, ist eine Mord- und Mörderpolitik von Anfang an, eine unaufhörliche Kette von Kriegen gegen den Menschen und die Erde selbst. Eine immer riesigere militärische und nichtmilitärische Vernichtungsmaschinerie dokumentiert einen immer tieferen Fall des Menschen in die Katastrophe, aus der zu entfliehen er immer weniger in der Lage ist, aus der zu entkommen er schließlich kein anderes Mittel weiß als den selbstmörderischen Tod. Und das von Menschen geschaffene Sterben der Kreatur, die toten Tiere und die toten Pflanzen, sind nicht nur die stumme Folge menschlichen Verbrechens, sie sind das laute Weinen der Erde über ihr Elend.
Dieser Planet ist unsere Polis und Heimat. Vor langer Zeit hat sich die Erde als eine dazu bereite gezeigt. Es war nicht wenig, was sie dazu einbrachte, denn es braucht viel, des Menschen Erde zu sein. Es brauchte dazu Milliarden Jahre an Zeit, es brauchte ein ganzes Universum dazu. Es mußten fremde Sonnen entstehen und vergehen, damit die Erde sich aus deren Stoffen bilden konnte, und es brauchte nach ihrer Entstehung wiederum Zeit und Geduld, und es brauchte vor allem Verstand über unseren Verstand hinaus, bis der Reichtum und die Schönheit der Erde sich in ihrer Flora und Fauna zu einem Ausmaß über unser Begreifen hinaus auch für den Menschen entfalteten. Es ist Verstand in der Sache. In einem einzigen Fliegenauge ist mehr Verstand verborgen als in tausend Jahren menschlicher Politik. Die Erde hatte dem Menschen vertraut, als sie ihm Raum gab zum Leben. Aber der Mensch hat es nicht gedankt. Er hat nichts begriffen. Was die Erde in langer geduldiger Sorgfalt aufgebaut hatte, hat er in nahezu einem Augenblick zerstört. Er hat sich als Schläger entpuppt, der alles zerschlug, der in der Tollheit seines angeblichen Fortschritts demnächst sein Haus und sich selbst in die Luft sprengt, die diesen Namen Luft schon längst nicht mehr verdient, weil sie nicht mehr nach Erde riecht, sondern nach menschlicher Politik stinkt. Daß aus der Erde geworden ist, was aus ihr geworden ist, eine mißhandelte und verunstaltete, ein Gift- und Müllplanet zwischen Leben und Tod, das ist nicht ihre Schuld, das ist des Menschen Schuld. Daß sie eine Erde geworden ist, die in immer geringerem Maße Heimat für den Menschen blieb, daß sie immer mehr Ort des Schreckens und der Verwüstung wurde, daß sie am Ende einer nuklearen Hölle sein wird und selber solche Hölle wird erleiden müssen, das liegt nicht daran, daß die Erde keinen Verstand hat, das liegt daran, daß der Mensch keinen hat.
Wenn die Erde sich retten will, muß sie sich vor dem Menschen retten. Sie muß die menschlichen Metastasen beseitigen. Es bleibt ihr nichts als eine Radikalkur. Und so wird der Mensch, wenn er sich demnächst sich tollen Sinnes mit seinen Friedenswaffen verkocht und verstrahlt haben wird, an seinen Bomben und seiner Dummheit gestorben sein, aber hinter dieser Wahrheit wird eine andere Wahrheit liegen, nämlich die, daß sie in der nuklearen Hölle, die der Mensch ihr antut, sich zugleich von ihrem unzurechnungsfähigen Höllenfürsten befreit.
Es kann sein, daß sie selber dabei stirbt, daß sie leer und ausgebrannt um eine vergebliche Sonne kreist. Es kann aber auch sein, daß sie überlebt, daß sie aus Krämpfen und Fiebern durch den myriadenfachen Tod ihrer Tiere und Pflanzen hindurch wieder erwacht, daß sie um sich sammelt und bewahrt, was sie noch hat und daß es ihr gelingt, zu leben. Sie wird viel Zeit brauchen, aber wenn sie überlebt, wird sie einmal das ihr von Menschenhand bereitete Sterbekleid ablegen und sich von neuem schmücken. Sie wird wieder grünen und blühen und Pflanzen und Tieren Leben geben und den Menschen vergessen wie einen schlimmen Traum.
Wir leben in der Zeit, die sich unserem Ende nähert. Was uns betrifft, verdrängen wir Ende und Tod bis zuletzt. Wir wissen, daß das Haus des Menschen stirbt, aber wir sehen nicht hin und schiefen Blickes starren wir vorbei. Die Menetekel des Endes können wir an jedem Zifferblatt der Zeit ablesen. Aber wenn wir lange genug das Ende verdrängt haben, halten wir es schließlich für einen bloßen Schein. In Wahrheit hat unser Vorhandensein nur noch den Anschein des Lebens, in Wahrheit befinden wir uns schon jenseits der Todeslinie und bewegen uns nur noch mechanisch, so wie Geköpfte noch eine zeitlang sich weiterbewegen. Und in dieser sinnlosen Bewegung denken wir immer nur den sinnlosen Gedanken, daß Vernichtung Rettung bedeutet.
Uta Ranke – Heinemann
(aus: Widerworte – Friedensreden und Streitschriften, copyright: Goldmann, München 1989)






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