8. Epilog
Als ich mich fragte, warum wir Menschen nicht liebevoller miteinander umgehen, lautete eine Antwort klarerweise, „weil uns systematisch Feindseligkeit beigebracht wird“. Jedes Volk und jede Nation unterscheidet zwischen uns und euch, zwischen Insidern und Outsidern, zwischen denen, die wir lieben, und solchen, die wir hassen sollen. Um uns selbst zu lieben, brauchen wir anscheinend einen Widerpart, eine Art Sündenbock, auf den wir all das Böse schieben können, das wir an uns selbst nicht wahrhaben wollen. Der beste Weg liebesfähiger zu werden, könnte meiner Ansicht nach darin bestehen, zu beobachten, wie wir uns zur Feindseligkeit erziehen.
Unsere einzige wirkliche Hoffnung auf liebevollere und leidenschaftlichere Beziehungsformen zwischen den Geschlechtern liegt in unserer Bereitschaft, sich anzuschauen, wie Männer und Frauen in geheimen Einverständnis den langjährigen Geschlechterkampf und die Kriegsmaschinerie weiterhin aufrechterhalten.
Der Vernunft ist es nicht gelungen, privates oder kollektives Heil zu bringen. Wissen und Tatsachen haben uns überflutet, und im gleichen Maße ist die Weisheit geschwunden. Macht wurde angehäuft, und mit ihr die Neigung zum nuklearen Suizid oder Kosmozid. Kommunikationsnetze umspannen den Globus, aber sie haben das Mitgefühl nicht vergrößert.
Das Problem der Liebe liegt in unserem Innersten, nicht auf unseren Zungen; es liegt in unseren Absichten, nicht in unseren Wörterbüchern. Wir mißverstehen die Liebe, weil wir uns entschlossen haben, der Macht zu huldigen; uns fehlt es an Mitgefühl, weil wir von Kontrollwut besessen sind; wir bringen die Gründe des Herzens zum Schweigen, weil wir uns für den Weg herzlosen Wissens entschieden haben, ganz gleich, wohin er uns führt; wir bewundern nicht, weil wir darauf beharren, daß jedes Ding und jede Person nützlich sein muß; wir wundern uns nicht, weil wir das Reale auf das Meßbare reduzieren; wir kümmern uns nicht, weil wir zu dem Glauben gelangt sind, daß es sich für einen Mann oder eine Frau besser verzinst, die Seele einzutauschen gegen ein Stück Teilhabe an der „Action“ oder dem „Thrill“.
Wir erwarten von der Liebe, der süßen Liebe, daß sie uns von den Verletzungen und Enttäuschungen heilt, die uns in unserem öffentlichen Leben in Institutionen, Firmen und Bürokratien zugefügt werden.
Wir erkennen gewohnheitsmäßig die Idee an, daß es Menschen mit überlegenen IQ gibt. Aber die Möglichkeit eines überdurchschnittlichen EQ – Emotionsquotienten – haben wir wenig bedacht und weniger noch untersucht. Vielleicht fürchten wir die Forderung, die sie uns stellen würde, nämlich liebevoller zu werden.
Es kann in der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist. An unbewältigter Sehnsucht nach Liebe leiden und erkranken heute mehr Menschen als an Umweltgiften.
Es ist ungeheuer, was für einen Aufwand der Mensch betreibt, um vor den Augen seiner Mitmenschen anders zu erscheinen, als er ist. Er wird so lange seine Umwelt massakrieren, Mitgeschöpfe vernichten, Tiere quälen, Kinder prügeln, Andersgläubige verbrennen und seinen Haß an der Natur austoben, solange er im Innern keinen Frieden findet. und er wird im Innern keinen Frieden finden, solange er die Liebe vergewaltigt. Er vergewaltigt sie durch seine entsetzlich falsche Moral, durch seine Dauerlügen, durch die allgemeine Komplizenschaft der Verstellung, durch die Spaltung des Eros in Ehe und Bordell, durch ein antiquiertes Bild der Liebe durch einen viel zu engen Begriff der Treue, und er vergewaltigt sie durch seine ganze gesellschaftliche Organisation, die nicht an der Liebe orientiert ist, sondern an Macht und Profit.
Die Liebe ist das Tiefste und Schönste auf dieser Welt, wo sie frei strömen kann. Sie ist aber auch das Tiefste und Schlimmste, wo sie blockiert und betrogen wird. Das Schicksal der Liebe steht im Zentrum der ganzen Menschheit. Das Drama der Liebe, das wir am eigenen Leib erleben, im Guten wie im Schlechten, überträgt sich in millionenfacher Vervielfältigung auf das Drama der ganzen Menschheit.
Liebe atmet achtsam Eindrücke ein, und sie atmet Zärtlichkeit aus. Das ist die innere Revolution, die die Welt wirklich braucht und verbessert. Nur das.
Die von uns allen „genossene“ Erziehung hat tiefe Wunden geschlagen und große Defizite hinterlassen. Doch wenn wir die Wunden nicht heilen und die Defizite nicht verarbeiten, sind wir selber Schuld.






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