Dez 07 21

Die Liebe

7. Voraussetzung zur Bildung einer gesunden Liebe

Das Kind, das sich sensitiv der Umwelt gegenüber aufschließt, lernt zu lieben, ohne entwickelte Sexualität. Die Liebesfähigkeit und Bereitschaft zur Liebe bildet sich schon sehr früh heraus. Das Kind lernt die Liebe nicht nur durch Zuneigung zu den Eltern. Natürlich erleichtern liebevolle Eltern die Entwicklung der Liebesfähigkeit, weil das Kind sich dann geborgen fühlt und nicht gegen Angst und Aggression ankämpfen muß.

Das Kind beobachtet genau, wie die Eltern miteinander umgehen, und es spürt die gegenseitige Zuneigung, Gleichgültigkeit oder Abneigung. Die Kontaktweise ist ein Modell für die Kommunikation. Wenn sie kämpferisch ist, wird sich das Kind ebenfalls auf Kampf einstellen, wenn sie aber harmonisch und voll gegenseitiger Zuwendung ist, wird sich das Kind vertrauensvoller aufschließen, Gefühle zeigen und sich Eltern, Geschwistern und Spielkameraden unvoreingenommen und herzlicher zuwenden.

Das Kind entdeckt die Liebesfähigkeit bei sich selbst, wenn es den Wunsch verspürt, sich in Zuwendungsbereitschaft zu öffnen. Wenn sich das Kind in Ruhe und innerer Ausgeglichenheit einer Sache oder einem Menschen mit allen Sinnen und allem Verstehen in Zuwendung annimmt, dann entdeckt es in sich die Atmosphäre der Liebe. Es kann die eigenen Eltern nur dann lieben, wenn es sich ihnen in dieser Offenheit zuwenden kann und nicht zurückgestoßen wird. Das Kind bringt bei Geburt nicht automatisch „Elternliebe“ als Naturgesetz mit (amorphes ES), sondern nur die Bereitschaft als Gabe, die jedoch durch das Verhalten der Eltern gesteuert werden kann. Von viel größerer Bedeutung ist für die Psyche des Kindes, geliebt zu werden, als selbst zu lieben. Die Fähigkeit zu lieben muß sich erst langsam entfalten.

In einer Atmosphäre der Angst vor Strafe und Tadel verschließt sich das Kind, es probiert die Aggression aus, um die Liebe der Eltern zu testen. Angst und Aggression sind die stärksten Widersacher der Seele, denn Angst verengt die Wahrnehmung, und Aggression schränkt die Handlungsfähigkeit ein. Liebesbereitschaft ist zwar bei jedem Kind vorhanden, aber die Entwicklung zur Liebesfähigkeit muß erst erfolgen.

Die Fähigkeit zu lieben ist somit keine Selbstverständlichkeit, sie ergibt sich nicht von selbst, als wäre sie angeboren und in der Entwicklung mitwüchse wie Arme und Beine. Die Liebesfähigkeit ist nicht automatisch mit der körperlichen Reife da, wie viele meinen.

Die Liebesfähigkeit entwickelt sich, sobald das Baby auf der Welt ist und von der Mutter in den Armen gehalten wird. Es muß Liebe empfangen, um Vertrauen zur Umwelt zu bekommen. Der Entwicklungsforscher Erikson spricht im ersten Lebensjahr von der Erfahrung von „Vertrauen oder Mißtrauen“. Das Kleinkind lernt in dieser ersten Lebensphase, seiner Umwelt und den unmittelbaren Bezugspersonen zu vertrauen oder ihnen zu mißtrauen und sie zu fürchten.

Kann das Kleinkind seiner Umwelt vertrauen, besteht die beste Voraussetzung zur Bildung der Liebesfähigkeit und einer gesunden Liebe. Es schließt sich auf und ist bereit, selbst Liebe zu geben.

Das von Liebe und Geborgenheit abhängige Kind entwickelt Furcht um den Verlust der Lieb, und es wird in seiner Hilflosigkeit und gefährdeten Existenz alles tun, um die Liebe der Umwelt zu erringen. Es übernimmt die Ge- und Verbote der Eltern als Introjekte in das sich bildende Über-Ich. Es läßt sich manipulieren und manipuliert sich selbst. Es erlebt sich als liebenswert, wenn es die Forderungen der Eltern erfüllt, und es wehrt die eigenen Wünsche und Entdeckungen ab, wenn sie mit Liebesentzug bestraft werden. Es sieht in den Augen der Mutter die Zustimmung oder Ablehnung, und es orientiert sich an der Mutter, denn es hat keine andere Wahl, als die Mutter zu lieben, selbst wenn es die Mutter hassen möchte.

Viele Kinder erleben bereits in ihrer frühesten Welterfahrung, daß man sich Lieb verdienen muß, daß Forderungen und Erwartungen erfüllt werden müssen, daß geliebt zu werden, nicht selbstverständlich ist, obwohl es das natürlich sein sollte.

Nur wenige Kinder wachsen in Freiheit heran und können wirklich sie selbst sein, ohne Liebesentzug fürchten zu müssen. Nur wenige Kinder fühlen sich ganz angenommen und entwickeln so ein uneingeschränktes Vertrauen zu ihrer Umwelt. Sie haben jedoch die besten Voraussetzungen dafür, jetzt und später ihre Liebesfähigkeit voll entfalten zu können.

Das in Liebe angenommene und freie Kind kann sein Selbst entfalten und erproben, ohne sich zu manipulieren. Es ist offen für das Erleben, es kennt keine Tabus und erfährt seine Sinne, entwickelt volle Sinnlichkeit und ist bereit, Liebe zu geben, ohne etwas zu erwarten.

Die entwickelte Liebesfähigkeit ist somit die wichtigste Voraussetzung dafür, daß die Liebe Schönheit und Glück gibt, ohne eine verkrampfte Manipulation zu sein.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind nicht günstig für die Entfaltung der Liebe. Und doch sind wir nicht hoffnungslose Opfer, die unausweichlich in diesem Denkkäfig gefangen sein müßten. Wir können die Liebe entfalten, wenn wir nur wollen, allerdings müssen wir uns von allen Ideologien frei machen und das starre Gedankengebilde verlassen, nur dann sind wir wirklich frei und von den anderen nicht mehr getrennt. Selbst wenn die anderen von uns durch ihre Ideologien getrennt sind, so haben wir den Vorteil, dies plötzlich hellwach zu sehen und sie so zu sehen, wie sie wirklich sind. Alle Illusionen haben dann ein Ende, und wir sehen das, was wirklich geschieht, nur dann entstehen Verständnis, Nähe und Liebe. Es kommt darauf an, selbst zu lieben, ohne die Liebe verdienen zu wollen. Wir müssen also lernen, selbst zu sein und zu erkennen, daß dies genügt, um glücklich und psychisch gesund zu sein.

Wenn wir frei sind und dadurch alle Angst hinter uns gelassen haben, sehen wir die Gesellschaft und die Menschen mit neuen Augen, und es eröffnet sich plötzlich eine Liebe, die wir bisher nicht kannten, eine Intensität des Gefühls und der Zuneigung, die uns überrascht.

Man könnte die Grundvorraussetzung für die Liebe auch folgendermaßen aufzählen:

  • Die gesellschaftlichen Verhältnisse müssen ignoriert werden
  • Die Begierde muß verschwinden
  • Das Selbstbewußtsein muß sich entwickeln und stärken
  • Die Sinne müssen sich öffnen
  • Die Schönheit entfaltet sich unabhängig von der Liebe
  • Das Denken wird still
  • Es herrscht Zeitlosikeit
  • Alleinsein ist möglich, ohne Einsamkeit oder Isolation zu empfinden
  • Lust ist von der Liebe nicht getrennt

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