6. Psychoanalyse der Liebe
Sigmund Freud suchte in den Naturwissenschaften nach Parallelen zu seinen innovativen Entdeckungen im psychischen Bereich. Daher verwendete er Termini wie Energie, Triebe und ähnliche, um psychische Phänomene zu erklären. Zugleich aber reservierte er einen Platz für psychische Themen und Termini, in denen die „Liebe“ eine zentrale Rolle spielt. Es waren seine Schüler, die sich zunehmend scheuten, sich mit der Liebe und all ihren komplexen Zusammenhängen zu beschäftigen.
Eine Begriffsbeschreibung der Liebe unter den Augen der Psychoanalyse zu finden, ist somit kein leichtes Unterfangen. Zumeist liegt sie begraben in den Definitionen der „Libido“, der „Lebenstriebe“ und des „Eros“. Erst seit den späten 70er Jahren sprechen Psychoanalytiker wieder über die Liebe als einem psychischen Phänomen, das Erklärung und Untersuchung verdient und benötigt.
Freud stellte die These auf, der Lebenstrieb nötige den Menschen zu einer primären Bindung und sei für die Entstehung von Liebesbeziehungen zwischen Menschen verantwortlich, d.h. Beziehungen, die von dieser primären Bindung herstammen, jene erotischen und sexuellen Bindungen, nach denen der Mensch sein ganzes Leben lang sucht. Er sah in Liebesbeziehungen daher den Ausdruck der Lebenstriebe und meinte, ein neues Liebesobjekt zu „finden“ sei nur ein „Wiederfinden“, da der Mensch sich immer und immer wieder nach den Gestalten seiner ersten Liebe sehne. Aber das Thema ist sehr viel schwieriger. Selbst Freud ist in anderen Schriften der Meinung, die Liebe sei kein derart primäres und gestaltendes Element, wie seine eben angeführten Hypothesen nahelegen. In seiner „Einführung in den Narzißmus vertritt er die Auffassung, die Liebe sei ein Höhepunkt der Entwicklung, wohingegen er in einer Arbeit ein Jahr später feststellt, die Liebe sei ein Art Abwehrmechanismus:
„Man darf sagen, die schönsten Entfaltungen unseres Liebesleben danken wir der Reaktion gegen den feindseligen Impuls, den wir in unserer Brust verspüren“.
Robert Bak vertritt die Auffassung, die Fähigkeit zu lieben, hänge von der Trennung des Selbst aus der Dual-Union von Mutter und Kind ab. Mit anderen Worten, Liebe entstehe aus der Notwendigkeit das, was das kleine Kind als Ergebnis des Trennungserlebnisses empfindet zu berichtigen. Die Liebe will in der Tat die Uhr zurückdrehen und zu diesem Zustand des Vereinigtseins zurückkehren.
Zuckerberg stellt ein ähnliche These auf: „Ein ständiger Wunsch des erwachsenen Menschen ist es, in symbiotischer Harmonie mit der Mutter wiedervereinigt zu sein – vielleicht ist dies die Grundlage der Liebe“.
Melanie Klein hielt die Liebe für eine Art Gegenreaktion oder einen Mechanismus, der angesichts des „Bösen“ und Destruktiven im Innern alles, was „gut“ ist, schützen wolle.
Diese Position wurde kürzlich auch in einer Arbeit von Ethel Person vertreten: Liebe heile narzißtische Wunden. Sie sagt sogar, Liebe entstehe und entwickle sich um so stärker, je mehr die Gesellschaft die Einzigartigkeit und Individualität des Menschen betone.
Bergmann meint, Liebe sei „die Sehnsucht, für immer mit einer anderen Person vereint zu sein“. Er faßt das psychoanalytische Verständnis der Liebe so zusammen: Zunächst gelte es, bislang verdrängte Aspekte der Eltern im Innern wiederzufinden, sodann Erinnerungen, wie vage auch immer sie sein mögen, an die früheste symbiotische Phase zu beleben und schließlich den anderen in die sich erweiternden Grenzen des Selbst zu integrieren und dabei bis zu einem gewissen Grad die Getrenntheit aufzuheben.
Trotz vieler Versuche, Liebe als ein Entwicklungsergebnis zu verstehen, stelle ich eine Verbindung zwischen Liebe und dem primären Erleben von Bindung, Vereinigung und Verschmelzung einerseits und Trennung, Loslösung und Rückzug anderseits her.
„Das Schicksal der Liebe“, so Kernberg, „handelt von Hindernissen und Schwierigkeiten, die integrale Bestandteile dieses ständigen Dramas und charakteristisch für Liebesbeziehungen sind: die Spannung zwischen Annäherung und Rückzug.
Psychoanalytisch läßt sich die Liebe durch vier Strukturelemente kennzeichnen:
a) Die Liebe ist ein erotisch-gefühlshaftes, affektives Erleben, das sich auch aus physiologischen und kognitiven Faktoren zusammensetzt und dessen Hauptziel es ist, mit dem geliebten Objekt zusammenzusein, sei es ein Mensch, die Natur, ein unbelebter Gegenstand, ein ästhetisches Ereignis etc.
b) Die Ausgestaltungen dieses Erlebens verändern sich während des Entwicklungsprozesses. Dieses Entwicklungsprinzip hat der Säuglingsforscher Daniel Stern ausformuliert: „Meiner Beobachtung nach verlieben sich Kinder, und dies wiederholt im Laufe ihrer Entwicklung, die ihnen neue Fähigkeiten zu lieben eröffnet, immer wieder und immer „tiefer“. Die Form ist weitgehend festgelegt, aber neue Inhalte werden sie Füllen“.
c) Dieses Erleben beruht unter anderem auf einem ständigen Konflikt zwischen der Sicherung eines getrennten, eigenständigen Selbst und dem Verschmelzen mit dem Objekt der Liebe.
d) Die Liebe umfaßt einen ihr immanenten Kampf zwischen dem Wunsch, einerseits die Selbstwahrnehmung zu erweitern, zu bereichern, anderseits die Selbstdefinition und Identität in den bestehenden Grenzen zu bewahren.
Im Liebesleben liegt der primäre Wunsch, in den fötalen Zustand zurückzukehren – einem Symbol für das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das im Mutterleib begann, ein Gefühl, nach dem wir uns ständig sehnen, ein Zustand, den Michael Balint als „harmonische einander durchdringende Verschränkung“ definiert hat. Die Befriedigung dieses Wunsches aber birgt verschiedene Risiken: sie kann z.B. zur Infantilisierung, zur Entwertung und Entleerung des Selbst führen. Da die Liebe also ein komplexes und umfassendes Phänomen ist, schließt sie zahlreiche psychische Kräfte und Motivationen mit ein: libidinöse und aggressive Triebe, die Macht des Überichs und verschiedene Abwehrmechanismen. Störungen dieser Funktionen beeinträchtigen der Tendenz nach das notwendige Gleichgewicht und geben den Kampf eine bestimmte Richtung. Jemanden zu lieben könnte zu einem übertriebenen Gefühl von Bindung – eine Art Vermischung – und zu einem „Einssein“ führen, wie Kernberg es nennt, das das Risiko enthält, daß die Grenzen sich verwischen und die Individualität in der Liebesbeziehung verlorengeht, und deshalb ein heftiges Bedürfnis wachruft, das Selbstgefühl zu schützen, ein Bedürfnis, das letzen Endes dazu führt, enge Bindungen zu vermeiden oder sich auf nur wenige zu beschränken. Im Extremfall kommt es zum Stillstand im Beziehungsaustausch.
Die Liebe wird um so komplexer, je mehr sie Gegenseitigkeit einschließt, sich auf menschliche Objekte bezieht und diese, im Sinne Freuds, ihr Ziel sind. Das könnte man die „romantische Liebe“ nennen, zu der die genitale Sexualität gehören, die aber auch in nicht-sexueller Erotik gründen kann. Sie mag sowohl einem einzelnen Individuum gelten, aber nicht ausschließlich, als auch einer Gruppe von Menschen (einer Gemeinschaft oder einem Volk). Sie steht dann im Dienst des Wunsches nach einem erweiternden Erleben, d.h. des Wunsches, Beziehungen herzustellen, die immer reicher und komplexer sind. Er kommt auch im Verlangen nach ästhetischen Genüssen, in der Liebe zu einer bestimmten Landschaft etc., zum Ausdruck, also in all den von „libidinösen“ Motiven getragenen Aktivitäten und Erfahrungen, die das Subjekt bereichern, seine Selbstgrenzen erweitern können, bis hin zur Integration des Liebesobjekt in die eigene Identität, in das eigene Wesen.
Harold Davis meint, „eine Liebesbeziehung sei diejenige, in der das Selbst eines jeden Partners auch zur Entfaltung kommt und sich vergrößert, während es zugleich an eine gemeinsame Identität gebunden ist“.
Aber dieser Wunsch nach Erweiterung und Bereicherung des Selbst kann nur befriedigt werden, solange die Liebe nicht festgelegt, „fixiert“ ist. Wie Eileen Setzmann sagt, „kann die Liebe, die frei ist von primitiven Bedürfnissen und Phantasien, …, ungeheure schöpferische Gefühle, Produktivität und reife Abhängigkeit und Gegenseitigkeit freisetzen“.
Eine ständige Selbsterweiterung birgt jedoch das Risiko des Verlustes an Individualität und Identität in sich. Im Individuum ist also auch eine entgegengesetzte Kraft wirksam, die darauf abzielt, den Status quo zu erhalten und ihn nicht zu erweitern und, vor allem, sicherzustellen, daß die Identität, das eigene Selbst, intakt und gut abgegrenzt bleibt. Manchmal aber führt der Kampf zwischen diesen beiden gegensätzlichen Kräften zu temporären oder auch andauernden Verlusten an individueller Identität.






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