5. Sexualität und Liebe
In der Pubertät reift die Sexualfunktion aus. Der Mensch wird geschlechtsreif, also fortpflanzungsfähig, um seine biologische Aufgabe zu erfüllen, aber er wird damit nicht automatisch psychisch liebesfähig. Liebe und Sexualität sind voneinander zu unterscheiden. Sexualität kann ohne Liebe als reine Aktion ausgeübt werden, sie ist ein physisches Ausdrucksmittel, das auch ohne Liebe funktioniert. Ich möchte damit sagen, daß ein sexuell ausgereifter Mensch nicht automatisch auch liebesfähig ist. Die Bezeichnung „Liebe machen“ für sexuelle Betätigung ist falsch. Liebe kann man nicht machen, sondern nur als seelisches Geschenk erleben. Wenn die Liebesfähigkeit voll entwickelt ist, steht die Liebe im Vordergrund, und die Sexualität folgt als körperlicher Ausdruck bereichernd nach. Sexualität erzeugt keine Liebe, aber Liebe verschönt und steigert die Sexualität. Sexualität ist ein physisches Geschehen, während Liebe ein psychischer Vorgang ist. Wenn beide Bereiche voneinander getrennt sind, besteht Gespaltenheit in Körper und Seele, wenn beide sich vereinen, wird die Spaltung aufgehoben. Das Erlebnis der Einheit ist beglückend und befriedigend, während Spaltung unbefriedigend ist. Wer nur nach Liebe strebt und Sexualität (z.B. als etwas Schmutziges) abspaltet, wird nicht glücklich werden, wer nur nach sexueller Triebbefriedigung sucht, ohne Beteiligung der Seele (ohne Liebe) wird gleichfalls nicht glücklich sein, weil Körper und Seele nicht in Einklang miteinander stehen.
Die beiden Teile Körper und Seele sind dennoch nicht gleichgewichtig zu sehen. Das Seelische besitzt eine größere Bedeutung als das Physische, besonders für den körperlich ausgereiften, erwachsenen Menschen. Wenn die körperliche Entwicklung abgeschlossen ist, wird der Körper stärker durch die Seele bestimmt als die Seele durch den Körper. Die Seele steuert den Körper und nicht umgekehrt, obwohl beide Teile eine Einheit bilden. Die seelische Liebesfähigkeit ist für die Ausgeglichenheit und das Glückserleben von größerer Bedeutung als die körperliche Geschlechtsreife. Das Körperliche ist in ausgereifter Form vorhanden, aber was damit geschieht, hängt von der Psyche ab. Ein ausgereifter Körper ohne Seele ist ein Roboter. Der Körper ist die Basis, der Resonanzboden, aber das Lied, das auf diesem Körper erklingt, wird von Geist und Seele gespielt.
Sexualität entspringt der Biologie des Körpers, Liebe aber entspringt der Seele. Die Seele gestaltet das Leben mit Hilfe des Körpers, der Körper ist das Material, der Ton, aus dem der Schöpfer Seele, das Kunstwerk, die Persönlichkeit gestaltet.
Die Liebesfähigkeit macht die körperliche Sexualität erst schön und beglückend. In der Liebesfähigkeit liegt die Selbstentfaltung verborgen, nicht in der Sexualfunktion.
Das Glück des Lebens und der Liebe dreht sich nicht um die Sexualität, sondern um die Sinne, um die Aufmerksamkeit und Wachheit mit positiver, fördernder Einstellung.






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