4. Die Angst in der Liebe
Ich möchte behaupten, daß die Angst zu lieben als Abwehrmechanismus gegen die Wiederholung eines traumatischen Ereignisses dient, das lange Zeit zurückliegt, das aber nicht so wahrgenommen werden konnte, als gehöre es zu einem selbst, als habe man es unter Kontrolle, als sei es einem selbst widerfahren. Ich glaube, daß die Triebe, die auf eine primäre Bindung drängen, traumatisierende Erlebnisse hervorrufen können, wie z.B. mögliche Vernichtung, die sich an der Erfahrung schroffer Zurückweisung oder, umgekehrt, extremer Vereinnahmung festmacht, die die Entwicklung eines abgegrenzten und individuierten Selbst verhindert. Die Angst vor diesen beiden Möglichkeiten kann zu einem umfassenden Abwehrsystem führen, das das Entstehen wirklicher Liebesbeziehungen blockiert.
Um eine akute Angst zu vermeiden, hat das ängstliche Individuum vielmehr eine ganzes Register von unbewußt und automatisch eingesetzten Angstabwehrtechniken entwickelt. Körperhaltung, Redeweise, Kleidung, Manieren, die Art der Zuwendung und Anteilnahme, überhaupt alles, was der Betrefende an körperlichen, intellektuellen und charakterlichen Vorzügen zu bieten hat, wird eingesetzt als Erfolgsinstrument gegenüber dem anderen und bildet zusammen eine möglichst gefällige Fassade der Angstabwehr.
Der Liebesängstliche meint, sich die Liebe seines Partners „verdienen“ zu müssen durch seine Qualitäten und Fähigkeiten. Die so aufgebaute Charaktermaske versthe ich als eine Flucht vor dem möglichen Liebesverlust.
Diese Flucht bedeutet jedoch eine stete Unehrlichkeit, denn es besteht eine Diskrepanz zwischen Schein und Wirklichkeit, die unbedingt aufrecht erhalten werden muß. Die Unerhrlichkeit aber erzeugt die Angst, daß sie durchschaut werden könnte. Der ängstliche Mensch verbirgt sich also vor seinem Liebspartner, um sich vor ihm zu schützen. Dieses Vesteckspiel kann sich z.B. in dem Gefühl äußern, nicht vom Partner verstanden zu weden.
Wer vor einem anderen bestehen will oder muß, der unterläßt alles, was Vorwürfe, Mißbilligung und Ablehnung hervorrufen könnte. Eigenschaften, die nicht in die Vorstellung einer Liebe, „wie sie sein soll“ hineinpassen, müssen verheimlicht oder verleugnet werden.
Wer den anderen nur mit seiner Charaktermaske gegenübertritt und sich somit im Grunde vor ihnen versteckt, der gibt ihnen erst gar nicht die Chance, ihn so zu akzeptieren, wie er wirklich ist. Damit aber nimmt er sich selbst die Mögklichkeit zu einem gründlichen Angstabbau.
Der sich selbst entfremdete Mensch braucht Liebe, um weniger Angst zu haben, er frißt die Liebe auf, um sich satt zu fühlen. Der liebesfähige Mensch dagegen liebt, weil er keine Angst hat, er frißt die Liebe nicht auf, sondern gibt sie dem anderen, weil er sich glücklich dabei fühlt. Liebe ist Freiheit ohne Angst. Wo Angst ist, kann sich keine Liebe entfalten.
Die Angst ist der Gegenpol der Liebe, und doch sind oft beide sehr eng beieinander. Die Angst ist das unverarbeitete Kindheitstrauma, nicht so angenommen zu sein, wie man sich fühlt.






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