Dez 07 21

Die Liebe

3. Das Wesen der Liebe (Versuch einer Definition)

Ein Mann sagt: „Ich liebe dich“, weil er die „Geliebte“ sexuell begehrt. Sie aber antwortet: „Du liebst mich nicht, weil du keine wahre Liebe fühlst, nicht zärtlich bist und weil du mich so lange allein gelassen hast.“ Beide haben sich unter „der Liebe“ Verschiedenes vorgestellt.

Mancher Frau bedeutet die Liebe das ganze Leben, weil sie vor allem anderen Liebe haben will. Mancher Mann sucht in der Liebe nur einen Zeitvertreib. „Dieser jugendliche Räuber wurde ein Vebrecher, weil er ohne Liebe aufgewachsen ist“, heißt es in einer gerichtlichen Urteilsbegründung.

Was ist das , „die Liebe“? Ein Gefühl? Ein Verhalten? Ein Trieb? Ein Begehren? Ein Milieu?

Die größte Schwierigkeit für die Liebe liegt darin, daß so viele Menschen, durch falsche Begriffe verwirrt, nicht wissen, was wahre Liebe ist. Definitionen der Liebe, hauptsächlich solche von Philosophen, sind im allgemeinen höchst enttäuschend. Sie sind entweder sehr beschränkt oder zu abstrakt. Ebenso unbefriedigend sind die modernen Definitionen der Psychologen. Wollen wir nicht, selbst verwirrt, weiter Verwirrung stiften, dann bleibt uns wieder einmal nichts anderes übrig, als einen verwirrenden Begriff so präzise als möglich zu definieren.

Zuerst einmal ist die Liebe ein Wort, ein von Menschen geprägter Begriff. In diesem liegt, was wir hineingetan haben. Wenn zwei Menschen Verschiedenes in diesen Begriff hineingetan haben, dann begreifen und verstehen sie natürlich auch Verschiedenes darunter.

Der Begriff „Liebe“ ist heute so umfassend geworden, so vielseitig und so sehr auch Gefühle und Stimmungen anregend, daß ich ihn nicht einengen will, um mit ihm eine einzige, elementare Sache zu beschreiben und zu erklären.

Die Vorstellung von der Liebe als eines schicksalhaften gewaltigen Ereignisses, das schlagartig eintrifft und deshalb passiv herbeigesehnt wird, ist weit verbreitet. Auf die Liebe zu warten ist eine verhängnisvolle Einstellung, denn dadurch bringt man sich selbst und sein Leben in eine abwartende Position. Die Liebe ereignet sich aber nicht in der Passivität, denn sie ist Aktivität.

Wenn sie Aktivität ist, dann ist sie eine Handlung oder ein Verhalten, das sich erlernen läßt.

Wir erlernen Fremdsprachen, Rechentechniken, wir erfahren etwas über Physik, Biologie und Religion in der Schule, aber so gut wie nichts , außer einigen Mythen und Vorurteilen, über die Liebe. Die Ansicht ist weit verbreitet, die Liebe könnte nicht erlernt werden, denn sie sei persönliches Schicksal.

In der Liebe ist jeder auf sich allein gestellt und muß sich auf das verlassen, was ihm Eltern an Meinungen vermitteln, Meinungen, die häufig von Resignation gefärbt sind. Über die Liebe wird entweder gespottet oder sie wird in strahlendem, kitschigen Glanz dargestellt. Über die psychologischen Hintergründe der Liebe, und wie man sie aktiv verwirklicht, erfahren wir meist nichts von den Eltern, den Lehrern, den Professoren. Liebe ist kein Unterrichtsfach, sie wird nirgends gelehrt. In Buchhandlungen und Büchereien finden wir allenfalls Bücher über sexuelle Techniken und Ratgeber zum Thema „Ehe und Partnerschaft“. Über die Liebe und wie sie sich entwickelt, wie man sie entfaltet, wie man sie kennenlernt und Liebesfähigkeit erlernt, erfahren wir so gut wie nichts.

Die Liebe ist eine Praxis, nicht eine Theorie, um die sich jeder täglich bemühen muß.

Die Liebe ist eine Kunst, wie E. Fromm es ausdrückt, und muß erarbeitet werden, sie fällt einem nicht in den Schoß, ohne daß man etwas dafür tun müßte.

Ich möchte verdeutlichen, wie wichtig das Erlernen der Kunst der Liebe für jeden einzelnen und für die gesamte Gesellschaft ist.

Das Lebensglück jedes Menschen hängt davon ab. Geld und Konsum sind sicherlich schöne Dinge, wir streben mehr oder weniger fanatisch danach, aber sie verlieren an Bedeutung im Vergleich zur Liebe.

Wer lieben kann, hat die tiefe Überzeugung, daß sein Leben Sinn hat. Wer nicht lieben kann, fühlt sich trotz Wohlstand, Konsum, Mallorcaurlaub, Haus im Grünen oder Segelyacht unglücklich.

Liebe ist Zuwendung

Liebe ist, ganz allgemein ausgedrückt, Zuwendung – präziser, positive Zuwendung, während Haß negative Zuwendung ist. Positive Zuwendung wird ganz besonders bei der Mutterliebe deutlich. Ohne sie müßte das Baby sterben oder seelisch und körperlich verkümmern. Mutterliebe ist die erste Liebe, die jeder Mensch erfährt, und sie bleibt für ihn ein Leben lang das Grundmodell der Erfahrung, geliebt zu werden. Man spürt als Erwachsener besonders dann, daß man geliebt wird, wenn man von jemanden uneingeschränkte Zuwendung erfährt.

Zuwendung ist Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Wachheit gegenüber den anderen, aber nicht eine kritische Wachsamkeit, um Fehler oder Schwächen zu entdecken, sondern eine interessierte, positive, verständnisbereite Wachsamkeit.

Die liebende Zuwendung ist positiv, lebensbejahend, sie ist eine Einstellung, die über die Lebensfreude entscheidet. Nur die lebensbejahende Zuwendung führt zur Liebe. Nur diese allgemeine, allem Lebendigen zugewandte Aufgeschlossenheit führt zur Menschen- und Weltliebe.

Die Zuwendung zu allem Lebendigen ist die Grundlage der Liebesfähigkeit. Diese Zuwendung ist die Voraussetzung für die Liebe, ohne sie kann keine Liebe entstehen und wachsen. Zu lieben macht glücklich, und je mehr ein Mensch fähig ist, die Menschen und alles, was ihn im Moment umgibt, zu lieben, desto glücklicher und zufriedener ist er. Wer sich der Welt und allem Lebendigen aufmerksam und aufgeschlossen zuwendet, befindet sich im Zustand der Liebe, er besitzt die allgemeine seelische Liebesfähigkeit, die letztlich auch zur Liebe zwischen Menschen führt. Ohne diese Voraussetzung ist keine Liebe möglich. Ein destruktiver, hassender oder unaufmerksamer Mensch kann nicht lieben, er kann höchstens „Sex machen“.

Sie spielt somit eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu der übergeordneten Rolle der Liebe.

Liebe heißt, Aufmerksamkeit und Zuwendung geben, nicht Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen. Das Bekommen ist eine Folgeerscheinung, die schön ist und Freude gibt (die Freude, auch geliebt zu werden), aber sie ist nicht die Bedingung. Das Geben von Zuwendung ist wichtiger und bedeutungsvoller als das Bekommen. Das Geben ist die Fähigkeit zu lieben. Hier liegt die Schwierigkeit für jeden einzelnen. Bekommen ist dagegen einfach, dazu gehört keine besondere Fähigkeit. Selbst das Bekommen macht jedoch manchem Schwierigkeiten, wenn er mit einer Konsumhaltung aufnimmt, ohne das Gegebene in seiner Bedeutung zu würdigen, denn dazu ist wieder Zuwendung erforderlich.

Ein liebender Mensch gibt Zuwendung, ohne zu fragen, was er als Gegenleistung dafür bekommt. Er zieht bereits aus der Zuwendung soviel Glück und Befriedigung, daß er nicht mehr zu bekommen braucht. Wenn das Bekommen von Zuwendung hinzukommt, um so besser.

Wenn ich einen Baum betrachte, wie er auf einer Wiese in seiner Pracht alleine steht und sich entfaltet, dann gibt mir der Baum nichts Konkretes dafür, daß ich ihn bewundere und betrachte. Für viele materialistisch-konsumorientierte Menschen ist es Zeitverschwendung, den Baum zu betrachten, weil er ihnen kein Geld gibt. „Wenn du ihn malst oder fotografierst, dann kannst du ihn zu Geld machen, dann sehe ich etwas Sinnvolles“, würde ein Materialist sagen. Es wäre ihm schwer begreiflich zu machen, daß mir die Betrachtung des Baumes sehr viel gibt, nämlich seelisches Wohlbefinden, Kraft, Ruhe und Lebensfreude.

Liebe ist Meditation

Vorab müssen wir uns von unserer alten Vorstellung entfernen, daß Meditation eine Technik, die typisch östlich-religiös gefärbt ist, denn sie ist einem jeden zugänglich. Dafür ist kein indischer Guru erforderlich, denn jeder kann in einen meditativen Zustand gelangen, wenn er innerlich ruhig wird, sich entspannt und die Tretmühle der kreisenden Gedanken nach und nach abschaltet.

Die Meditation ist keineswegs eine Nebensache, sondern eine zentrale Angelegenheit, die für jeden Menschen wichtig ist, der nach psychischer Entfaltung strebt. Die meisten Menschen kennen den seelischen Zustand der Meditation von seltenen Erlebnissen, und sie wissen nicht, daß sie in diesem Moment im Zustand der Meditation waren.

Folgendes Beispiel soll den Prozeß der Meditation verdeutlichen.

Ich sitze in einem Boot und lasse mich von den Wellen wiegen. Das Boot ist am Flußufer mit einem Seil an einem eingeschlagenen Holzpflock befestigt. Es ist ein warmer Sommertag, spätnachmittags um 5 Uhr. Es ist still, ab und zu höre ich die Stimme des Wasservogels. Libellen fliegen am Ufer entlang wie kleine Hubschrauber, sie verschwinden im Schilf und tauchen wieder auf. Ich denke an nichts, Alle Sonne sind offen, ich fühle das leichte Schaukeln des Bootes und die Wärme der Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ein sanfter Wind trägt den Geruch von Heu mit. Ich rieche das Heu, ohne an Heu zu denken, ich atme nur den Geruch ein, und die Sinne nehmen ihn wahr, nicht der Verstand.

Der Verstand ist ruhig, ich mache mir über nichts Gedanken, sondern gehe ganz im Augenblick auf, der aus den unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen zur gleichen Zeit besteht. Jeder Augenblick geht in den nächsten Augenblick über, der neue Wahrnehmungen mit sich bringt. Da ich nicht denke, sondern einfach sinnlich offen bin, spüre ich eine starke Ruhe und Stille, obwohl die Vögel Geräusche machen, die Wellen mein Boot bewegen, Wasser plätschert und Libellen vorbeifliegen. Ich empfinde Erfüllung, Ruhe und Zufriedenheit, weil ich wahrnehme, ohne zu werten. Ich bin dem Augenblick hingegeben und gehe in der Gegenwart voll und ganz auf. Es existiert kein Gestern und kein Morgen, sondern nur das Jetzt. Ich bin keineswegs schläfrig oder hypnotisiert, sondern im Gegenteil: hellwach. Es besteht der Zustand der Meditation und gleichzeitig der Liebe.

Meditation ist Liebe. Wenn ich in Meditation bin, dann spüre ich, daß aller Kampf und Krampf ein Ende hat und daß ich mich öffne, weil ich bereit bin zu lieben, alles was meine Sinne aufmerksam wahrnehmen. Im Zustand der Meditation ist die Liebe da und mit der Liebe auch das gesteigerte Gefühl von Sein und Seligkeit.

Es ist schwer, diesen Zustand mit Worten genau zu beschreiben, weil Worte aus dem Bereich des Denkens kommen und Empfindungen und seelische Zustände nur umschreiben können. Weil Meditation auch Liebe ist, deshalb geschieht so selten Liebe – zur Natur, zu den Mitmenschen, zu Tieren, zu einem zufälligen Bekannten, zu einem Baum, zu einem Vogel etc.

Liebe entfaltet sich in der Meditation, nicht im Zustand des Denkens, wenn der Verstand bewertet und seine Rechnungen aufzumachen versucht. Damit Liebe sich Liebe ereignen kann, muß der Verstand mit seinen Bewertungen still werden. Das ist das Problem für die meisten Menschen: sie werden vom Verstand beherrscht, der sie versklavt und nicht zur Ruhe und Offenheit kommen läßt. Immer wieder schieben der Verstand und das Denken einen Riegel von Vorurteilen, Bewertungen, Distanzierungen vor, und die Psyche wird davon beeinflußt; anstatt sich zu öffnen, verschließt sie sich, panzert sie die Sinne ab.

Der Verstand hält die Gefühle in Schach, er wacht über die Sinne, er will die Oberhand behalten und verhindert das sinnliche Aufgehen im Augenblick. Das ist ein Problem der verstandesbetonten Überbewertung der Intelligenz und des Denkens im Vergleich zu sinnlichen Aufmerksamkeit und Erfahrung des Gefühls.

Liebe erfordert Zuwendung, Offenheit, sinnliche Wahrnehmung, Stille des Denkens und Bereitschaft und Fähigkeit zur Kontemplation und Meditation.

Liebe ist Selbstfindung

Bei der Liebe zu einem anderen Menschen werden die Verhältnisse etwas komplizierter, denn hier erwarten wir Resonanz, nämlich die Erwiderung unserer Liebe. Wir spiegeln uns in dem erwählten Liebesobjekt und fragen: „Liebst du mich genauso wie ich dich?“ Das Modell für diese Liebe zum Menschen liegt in der Kindheit und Abhängigkeit von den Eltern (primär der Mutter). Das Baby ist abhängig von der Mutterliebe, es ist auf Resonanz angewiesen, und es Spürt genau, ob es geliebt wird oder nicht. Seine Existenz und seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung hängen davon ab. Die Mutter ist ein Spiegel, in den das Kind sensitiv hineinschaut mit der Frage: „Wenn ich das und das tue, werde ich dann von dir geliebt?“ Geliebt zu werden ist für das Kind existenznotwendig, denn ohne Liebe drohen Strafe und Angst. Kurz gesagt, das Kind sucht seine Selbstfindung in der Liebesbestätigung durch die Eltern, es entwickelt die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Eltern mögen, und unterdrückt in sich das, was die Eltern nicht mögen. Es liebt seine Eltern, weil es keine andere Wahl hat, es strebt danach, wiedergeliebt zu werden. In der Kindheit ist die Liebe eng verknüpft mit der Selbstentfaltung und Selbstwertschätzung.

Im späteren Leben erwarten von unserem Partner, daß wir unser Selbst in ihm spiegeln können, er gibt uns Resonanz, ob er uns mag oder nicht. Ein Mensch ist für uns ein Spiegel, in dem wir uns betrachten können, und wir sind begeistert, wenn wir Zustimmung erfahren, wenn man uns lobt, wenn man sagt, so oder so seien wir richtig und liebenswert.

Das Liebesobjekt hat also einen großen Einfluß auf die innere Selbstfindung und Selbsterfahrung. Wir fühlen uns von dem anderen definiert und wollen von ihm wissen, wie wir sind, wie er uns empfindet, was er von uns denkt. Wir wollen wiedergeliebt werden wie als Kind von der Mutter, jetzt vom Partner, und wir richten unser Verhalten nach den Erwartungen und Vorstellungen, die wir in dem Resonanzspiegel erfahren. Wir finden uns selbst im anderen, in seiner Diagnose, und wir arbeiten an unserem Selbst nach diesen Erfahrungen wie als Kind. So kommen wir aus der Manipulation unseres Selbst niemals heraus. Von Mutter und Vater waren wir existentiell abhängig, weil wir Schutz und Geborgenheit suchten, vom Partner sind wir abhängig, weil wir Sex, Schutz, Geborgenheit und Anerkennung unseres Selbst suchen. Die Manipulation nimmt kein Ende, und wir sind als Erwachsene nicht freier als ein Kind, obwohl wir hofften, es würde „später“ alles viel besser, wir könnten freier, autonomer und offener leben. Es erweist sich jedoch, daß die eine Manipulation durch eine andere abgelöst wird, daß wir von einer Unfreiheit in die andere geraten.

Ist das Selbstfindung? Haben wir unser Selbst gefunden, wenn ein anderer sagt, wer wir sind?

Ich glaube, daß die Antwort auf diese Frage jedem leichtfällt. Solange wir uns in anderen spiegeln und uns im Spiegelbild der andern selbst finden wollen, sind wir genasführt. Wirkliche Selbstfindung ist etwas anderes, sie ist Findung des eigenen Selbst, ohne andere zu fragen, was sie davon halten, wie sie mein Selbst bewerten. Es ist schwer diese Autonomie zu finden, es ist so gut wie unmöglich in einer Gesellschaft, die vom Babyalter an den Menschen manipuliert. Und wir bleiben Manipulierte bis zum Grab, wenn wir diesen Prozeß nicht durchschauen und Schluß damit machen.

Wir dürfen also nicht mehr andere fragen: Wer bin ich? Wir müssen uns selbst fragen, niemanden sonst, denn wer und was wir sind, liegt in uns selbst, kein anderer, keine Mutter, kein Vater, kein Lehrer, kein Liebespartner kann uns eine Antwort darauf geben.

Wenn wir das erkannt haben und auch danach leben, dann verändert sich die Liebe. Wir lernen Menschen zu lieben, ohne zu fragen: „Werde ich wiedergeliebt? Was liebst du von mir und was nicht? Was kann ich tun, daß du mich mehr liebst, und was muß ich unterlassen?“ Wir finden uns nicht mehr im anderen wieder, sondern wir finden uns nur in uns selbst.

In dieser praktischen Erkenntnis zeigt sich wirkliche Autonomie. Die Fähigkeit, einen anderen zu lieben, ohne danach zu fragen, ob man wiedergeliebt wird, ist die reife Liebe des autonomen Menschen, der keinen andern manipuliert und auch selbst nicht manipuliert werden kann und will. Die reife Liebe ist auf das eigene Selbst gegründet, sie ist nicht unsicher und fragt nicht nach Resonanz, sie ist unerschütterlich auf mein Selbst begründet, auf mein eigenes Sein.

Reife Liebe als Prozeß und Zustand ist Selbstfindung. Wer liebt, erfährt sich selbst in der Liebe, diese Erfahrung ist Zuwendung und Meditation in einem.

Liebe ist psychische Gesundheit

Psychische Gesundheit und Liebesfähigkeit sind eng miteinander verwebt. Der psychisch gesunde Mensch ist offen, er erlebt jeden Augenblick in voller Wachheit und Klarheit. Seine Wahrnehmung der Realität ist nicht getrübt oder abgestumpft, weil er nichts abwehrt, sondern alles, was im Augenblick geschieht und ihm begegnet, zuläßt. Er verfälscht also nicht die Wirklichkeit über die sogenannten Abwehrmechanismen (über die ich jetzt nicht näher eingehen will).

Im Geist des psychisch Gesunden befinden sich keine Reste unverarbeiteter Erlebnissen oder Gefühlen, da er sie in jedem Augenblick direkt verarbeitet. Wenn er Kummer oder Ärger hat, dann ärgert er sich sofort und schiebt den Ärger nicht ins Unterbewußte ab. Wenn er traurig ist, dann ist er es sofort, und lenkt sich nicht ab, sondern lebt seine Trauer im aktuellen Moment. Wenn er Angst hat, dann flieht er nicht nach vorn in die Aggression – um nur ein Beispiel zu nennen – oder zurück, in die Anpassung, sondern er stellt sich der Angst, er gibt vor anderen und sich selbst zu, daß er Angst hat, und er lebt seine Angst durch, er steht zu ihr, er fühlt sie mit Aufmerksamkeit, denn nur so wird sie ihn nicht länger belasten, als sie ihn real belastet. Jede zukünftige Angst ist dann neue Angst, es verwischt sich mit ihr keine Reste von alter, unbewältigter Angst, weil er durch jede Angst voll erlebend hindurchgeht.

Das ist für viele sicherlich schwer zu verstehen, weil ihre Seele vielleicht voll von alten Ängsten ist, die immer wieder niedergekämpft werden müssen und die sich im Alltag in vielen Situationen einschleichen und immer wieder Abwehrmechanismen auslösen.

Dieses seelische Verhalten der psychischen Gesundheit ist in unserer Gesellschaft sehr selten anzutreffen, denn die Mehrzahl der Menschen ist nicht psychisch gesund, sondern krank. Die seelische Störung ist die Regel, nicht die Gesundheit, wie es eigentlich sein sollte.

Der Mensch ist als hochstrukturiertes Wesen überaus anfällig für seelische Störungen, und es wäre für ihn deshalb so sehr wichtig, zu lernen, wie er sich psychisch gesund hält. Dieses Wissen wird jedoch nirgendwo gelehrt, weder im Elternhaus noch in der Schule, noch in den Abendkursen der VHS. Jeder ist im Umgang mit seiner Psyche auf sich selbst angewiesen, und oft kann er mit Bekannten und Freunden nicht einmal darüber reden, weil es den meisten Menschen unangenehm ist, darüber zu sprechen, über etwas, das so nebulös, dunkel und angsterregend ist wie die eigene Seele und die des anderen. Das Seelenleben ist immer noch eines der großen Tabus in unser auf andern Gebieten progressiven und aufgeklärten Zeit.

Die Liebesfähigkeit ist in direkter Weise mit der psychischen Gesundheit verbunden. Der Bereich der liebenden Zuwendung ist bei den meisten Menschen besonders komplexhaft mit verdrängten psychischen Schmerzen behaftet.

Wenn schmerzliche Erlebnisse der Lieblosigkeit und Abweisung nicht sofort verarbeitet werden, was bei den meisten Menschen die Regel ist, sondern durch Abwehrmechanismen beiseite geschoben werden, dann bleiben Komplexe, die das Verhalten in Zukunft stören und neue Schmerzen hervorrufen.

Es entsteht ein Teufelskreislauf, der den Menschen immer mehr in die Verhärtung, Abkapslung und Gefühlspanzerung heineinführt. Wir müssen lernen, aus dieser Störung unserer Liebesfähigkeit wieder herauszufinden, weil wir nur dann frei, glücklich und gesund werden können. Wenn wir andere lieben können, offen, ohne Angst, in voller Klarheit und Bewußtheit, dann fühlen wir uns wohl und gesund – wir fühlen uns nicht nur so, wir sind es auch!

Die Fähigkeit zu lieben ist von zentraler Bedeutung. Wie gelangt man zu ihr, zu dieser Voraussetzung für psychische Gesundheit und Lebensfreude? Einige Wege habe ich bereits zu beschreiben versucht: es sind Zuwendung, Geben, ohne auf das Bekommen zu achten, Meditation, Aufmerksamkeit und Klarheit der Realitätserfahrung, Selbstfindung, ohne sich im Spiegelbild der anderen manipulieren zu lassen, Offenheit, die spontane, direkte Verarbeitung alles dessen, was im Moment geschieht. Nur dann ist Klarheit gewährleistet, und ich bin in jedem Moment wieder neu geöffnet, zu lieben ohne Angst.

Gesundheit heißt jedoch nicht, keine Angst mehr zu haben, nicht mehr traurig zu sein. Das alles läßt sich nicht vermeiden, so sehr das auch viele wünschen und mit Abwehrtechniken zu erreichen versuchen, sie wollen eigentlich „unverwundbar“ sein, „ein dickes Fell haben“. Das gibt es jedoch nicht. Kein Lebewesen auf dieser Erde ist körperlich oder seelisch unverwundbar, auch keine Maschine, kein Roboter, keine unbeseelte Materie.

Gesundheit heißt deshalb, sich der Verwundbarkeit bewußt sein, sie akzeptieren, in absoluter Offenheit, ohne Angst vor dem Morgen, weil sich nur dann schöpferisches Leben entfalten kann. Wer sich schützen will vor der Liebe, stellt sich gegen das Leben, und das hat Kummer, Stumpfheit, Leid, Neurosen und langsames Dahinvegetieren zur Folge.

Liebe ist Leben

Alles Lebendige strebt nach Entfaltung seiner Existenz; es muß das das Leben und die eigene Lebendigkeit lieben, wenn es nicht in sich selbst vertrocknen und verkümmern will. Für Tiere ist es einfacher, lebendig zu sein, sie machen sich keine Gedanken, sie sind, aber der Mensch meint, daß er mit Hilfe des Verstandes das Leben und die Lebendigkeit steuern und manipulieren kann.

Die Liebe ist unsere einzige Chance, lebendig zu sein und glücklich zu werden, anstatt dem Tod entgegenzudämmern, ihn zu beschleunigen durch langsamen Suizid.

Lebendigsein ist voller Aufmerksamkeit im Augenblick, es ist ein völliges Aufgehen in der jeweiligen Situation. Kein Gestern und kein Morgen trübt diese Aktualität, die voll und ganz im Hier und Jetzt gelebt wird.

Wache Sinne und Sensitivität sind die Voraussetzung für Lebendigkeit. Da die meisten Menschen unsensitiv sind, träge, stumpf und phlegmatisch, erleben sie keine innere Lebendigkeit, und das Leben ist ihnen oft deshalb mehr Last als Freude.

Die Liebe ist ein generelles Prinzip des Lebens. Jeder muß sich öffnen, um zu lieben. Wenn ich mich verschließe und abpanzere, kann die Realität nur gefiltert hereinkommen, und alles bleibt öde und grau. Liebesfähigkeit ist die Bereitschaft zu lieben, ich muß bereit sein. Nur dann kann sich Liebe entfalten, ich muß geben, ohne etwas zu begehren, dann bekomme ich genug. Wenn ich jedoch danach strebe und begehre, dann wird alles zum Krampf.

Wenn ich Wachheit und Klarheit der Sinne entfalte, kann sich die Liebe entwickeln, dann ist Leben Lieben und Lieben Leben, dann gehe ich unter die Menschen mit Wachheit – ohne Vorurteile, ich sehe, höre, rieche, taste und schmecke, was um mich herum geschieht. Der Verstand setzt nicht aus, aber ich setze ihn auch nicht ein, ich brauche keine Vorurteile mehr, alles geschieht von selbst, es entwickelt sich und wächst. Dieses Erlebnis ist schön und es birgt in sich das Geheimnis des Glücks. Dieses Glück kostet kein Geld, hierfür ist keine Ausbildung, kein Abitur und Studium erforderlich. Dieses Glück hat keinen Marktwert, ich kann es nirgendwo kaufen, und keiner kann es mir abkaufen. Die Liebe ist rein, sie fragt nicht nach Attributen, sie lebt aus sich selbst, und in ihr entfaltet sich meine eigene Lebendigkeit, es muß nichts sonst hinzukommen, und es fehlt nichts mehr, nach dem noch zu streben wäre.

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