2. Mythen, Deformationen und Irrtümer der Liebe
Ich möchte versuchen, mit den vielen Irrtümern und Mythen aufzuräumen, die fälschlicherweise mit der Liebe verbunden sind. Wenn diese Irrtümer beseitigt sind, tut sich die Klarheit und Reinheit der Liebe auf, dann blickt man mit neuen Augen auf das mannigfaltige Glück, das einem die Liebe bescheren kann.
Wenn die Liebe da ist, hat das Leben einen Sinn, dann kann jeder seine eigene persönliche Wahrheit erkennen und danach leben.
Mythos 1: „Sexualität macht frei“
Sexualität und Liebe sind zwei Vorgänge, die zwar zusammengehören, die jedoch nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Sexualität ist ohne Liebe möglich, und Liebe kann sich ohne Sexualität entfalten.
Vor allem Sigmund Freud, und darauf aufbauend Wilhelm Reich waren es, die der Entfaltung und Befreiung der sexuellen Triebenergie eine große Bedeutung für die seelische Gesundheit zuschrieben und den ihr gebührenden Platz im Seelenleben des Menschen eingeräumt haben. Beide leisteten einen großartigen Beitrag zur Befreiung der Sexualität, so daß der Liberalisierungsprozeß seit dem 2. Weltkrieg stetig fortschreiten konnte. Diese allgemeine Liberalisierung spiegelt sich vielfältig wieder: Pornographie wird in der BRD zugelassen, Junge Paare können auch ohne Trauschein eine Wohnung finden und zusammenleben und die Homosexualität ist nicht mehr strafbar.
Es wäre jedoch ein Trugschluß, zu glauben, daß die zunehmende Befreiung der Sexualität von Tabus den Einzelmenschen oder die Gesellschaft freier gemacht haben.
Viele glauben, daß die Befreiung der Sexualität ein so wichtiger teil wäre, daß sich durch die Liberalisierung der Sexualität in der Gesellschaft die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse wandeln würden, nach dem Motto: Befreite Sexualität befreit die Gesellschaft. Sie unterliegen dem Irrtum, daß sexuelle Entfaltung das Individuum innerlich frei machen würde. Das ist jedoch nicht der Fall, da die Sexualität nur einen Teil des Seelenlebens ausmacht und eine Teilentfaltung zwar positive Gesundungsprozesse auslösen kann, aber nicht automatisch den ganzen Menschen frei macht.
Wer nur seine Sexualität entfaltet und dabei seine seelische Liebesfähigkeit nicht gleichzeitig mit entwickelt, kann keine volle Befriedigung finden, und es bleibt ein Rest an Frustration.
Der Massenkonsum der Sexualität zeigt keine Freiheit an und führt zu keiner inneren Befreiung sondern baut, wo körperliche und seelische Spannung reduziert wird, an anderer Stelle neue seelische Spannung der Unausgefülltheit und Unzufriedenheit auf.
Mythos 2: „Der Orgasmus ist das Ziel der Liebe“
Die sexuelle Triebenergie sucht ihre Entladung sowohl beim Mann wie bei der Frau im Orgasmus. Insofern ist der Orgasmus sicherlich das Ziel der sexuellen Funktion, die mit der biologischen Aufgabe der Fortpflanzung verbunden ist.
Die Liebe ist keine Grundvoraussetzung für den Sexualakt, wenn sie jedoch hinzukommt, um so besser, weil dann das sexuelle Erleben an Schönheit gewinnt. Liebe sucht als Endziel der Entspannung nicht den Orgasmus, sondern sie findet ihre Befriedigung in jeder Form der seelischen und körperlichen Zuneigung. Sie kann die Sexualität steigern und ein seelisches Glücksgefühl erzeugen, das ohne die Liebe nicht entstünde.
Die Liebe ist keine Bedingung für den Orgasmus und die Arterhaltung, sondern eine wunderbare Zugabe sowohl im Bereich der Sexualität als auch in jedem anderen Lebensbereich. Deshalb drängt die Liebe auch nicht auf den Orgasmus hin, sondern ist an dem sexuellen Triebgeschehen nur mitbeteiligt. Ihr Mitwirken ist aber von großer Bedeutung für die seelische Befriedigung und das Lebensglück.
Sie ist somit ein Zusatz, ein Katalysator für die Seele, der dem Gesamtvorgang der Sexualität, der zuallererst ein biologischer Triebvorgang ist, zur vollen Schönheit und Blüte verhilft.
Mythos 3: „Technik ist wichtig für eine befriedigende Sexualität“
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum (gerade seitens der Männer), daß die Beherrschung bestimmter Stellungs- oder Stimulierungstechniken die Partnerin besonders nachhaltig befriedigen könnte. Sie gehen dabei von der irrigen Meinung aus, auf diese Weise würde die Frau „sexuell hörig“.
Wenn er sich auf die Technik konzentriert, dann setzt er seinen Verstand ein, er versucht, etwas zu leisten, Maßstäbe zu erfüllen, und die Sexualität wird so zu einer sexuellen Gymnastikübung degradiert.
Durch das Einschalten dieser Denkmechanismen werden die Gefühle verdrängt oder sogar ausgeschaltet, die Gefühle der Zuneigung, Wärme, Liebe, Geborgenheit, Bewunderung, Respekt, verbunden mit Mitgefühl, Hingabe und Selbstaufgabe.
Wo in einer Beziehung Liebe herrscht, spielt die sexuellen Stimulierungstechniken keine dominierende Rolle, denn die Sexualität ergibt sich von allein, ohne daß der Verstand mit seinen konditionierten Programmen etwas hinzufügen müßte.
Aus der Liebe heraus und nur aus ihr heraus ergibt sich von selbst die in der jeweiligen Situation angebrachte sexuelle Technik. Die Liebe ist schöpferisch, und sie findet im richtigen Moment das Richtige.
Mythos 4: „Liebe ist in der Jugend anders als im Alter“
Eine weitere allgemein irrige Meinung ist, daß Verliebtsein, Liebe und Sexualität eine Sache der Jugend sei und allenfalls bis zum 40. oder 50. Lebensjahr eine Rolle spiele. Verliebtsein und Liebe sind jedoch an kein Alter geknüpft und selbst die Sexualität, die an alternde Körperfunktionen gebunden ist, ist in der Regel bis zum 60., 70. und mitunter auch 80. Lebensjahr funktionsfähig.
Dennoch ist für viele Menschen die Liebe in der Jugend anders als im Alter, denn in der Jugend ist sie neu und frisch, die Liebesfähigkeit beginnt sich zu entfalten, und in dieser Zeit neuer Erfahrungen werden Liebe und Sexualität besonders stark empfunden. Die Intensität der Empfindungen ist für viele in der Jugend stärker als mit zunehmenden Alter, da die meisten Menschen in einer Partnerschaft leben, in der die Liebe abgestumpft ist und die Sexualität eine uninteressante Gewohnheit geworden ist.
Die Liebeserfahrungen der frühen Jahre werden mit der ganzen Breite er Sinne gemacht, weil noch die Sensitivität aus der Kindheit einfließt. Der Erwachsene in den Großstädten der Industriegesellschaften wird jedoch meist Jahr um Jahr unsensitiver. Er geht täglich an seine Arbeitsstätte, in die Fabrikhalle oder ein muffiges Büro, seine Sinne stumpfen mehr und mehr ab.
Als Erwachsener, als Student und Berufstätiger wird er von seinen Sinnen entfremdet, denn was zählt, sind Leistung, Sachlichkeit, Intellekt, Erfolg – das Fühlen, die Emotionen sind eher störend und werden abgewertet oder verdrängt. Das Gehirn des erwachsenen berufstätigen Menschen ist voll von Gedanken an Geld, Konsum und Erfolg. Alles kreist um den eigenen Status, um Konkurrenz zu anderen, um Vermögen, Kranken- und Altersabsicherung, um Erziehung der Kinder zur Leistung, um Sicherheit der Kindheit und der Zukunft.
Wenn das Denken voll ist mit diesen Inhalten, die sich tagtäglich zwanghaft wiederholen, wird die Sensitivität und die damit verbundene Liebe zu den Wahrnehmungen vernachlässigt und beiseite geschoben. Der liebevolle, aufmerksame Kontakt geht so nach und nach verloren, sowohl zur Natur, die uns umgibt, als auch zum Partner.
Der Mensch spürt, daß er mehr und mehr seine Lebendigkeit verliert, daß er seelisch stirbt, daß seine Liebesfähigkeit stirbt, und er wird darüber bitter und immer verhärteter.
Dies ist jedoch kein natürlicher, unvermeidlicher Alterungsprozeß, sondern eine Frage der Lebensführung. Ein Sechzigjähriger, der seine Umwelt mit wachen und klaren Blicken sich selbst und andere wahrnimmt mit einer positiven und aufmerksamen Einstellung, ist selbstredend genauso liebesfähig wie ein Jugendlicher, denn nur der Körper altert und nicht die Seele.
Mythos 5: „Die große Liebe dauert ewig“
Die Liebe ist ein konstanter Begleiter in unserem Leben, insofern ist sie ein Faktor, den der Mensch während seines Lebens nicht loswerden oder „abschütteln“ kann.
Mit „großer Liebe“ jedoch ist die Liebe zu einem Partner gemeint, eine besonders starke Liebe, die auf Grund dieser Stärke ewig andauert, hierbei zwar Schwankungen unterworfen sein kann, aber nie zerstört werden kann.
Die „große Liebe“ ist nach dieser weit verbreiteten Auffassung ein schicksalhaftes Ereignis, das dem Menschen begegnet und das wegen seiner Größe und Gewaltigkeit ewig dauert. Der Mensch ist jedoch für seine Liebe selbst verantwortlich, sowohl was die Größe als auch die Dauer anbelangt.
Eine intensive Liebe kann kurz andauern, und eine abgestorbene Beziehung kann in der Institution Ehe und Moraleinstellung des Menschen lebenslang bestehen.
Liebe ist nicht möglich, wenn einer sein Herz und seine Seele abkapselt, wenn er sich verschließt und nach Sicherheit strebt.
Liebe ist aber nur dann möglich, wenn völlige Offenheit herrscht, wenn die Sinne wach sind, wenn die Seele bereit ist, zu empfinden, wenn ich verletzlich und empfänglich für das Neue des Tages bin. Liebe ist etwas, das aus dem Augenblick heraus geschieht und man deshalb nicht festhalten kann.
Wenn man den geliebten Partner festhalten oder gar besitzen will, läßt sich er sich nicht mehr geduldig und frei betrachten. Der Blick ist dann getrübt und verkrampft, die Sinne verlieren an unvoreingenommener Aufnahmefähigkeit.
Bin ich jedoch nicht gierig, besitzdenkend, ängstlich und sicherheitsorientiert, dann kann sich täglich neu die Liebe entfalten, wenn ich meine Sinne öffne. Diese schöpferische Haltung giert nicht nach der Wiederholung einer Empfindung vom Vortag, sondern ist stets auf den Augenblick eingestellt, ihr offenbart sich die Schönheit und Häßlichkeit von heute, nicht die von gestern.
Wer nach dem Gestern schielt, lebt nicht wirklich sensitiv in der Gegenwart, seine Liebesfähigkeit ist unterbrochen, sie ist übergegangen in Gedanken an Sicherheit, Festhalten, Pflicht, Treue usw.
Die Liebe jedoch entfaltet sich im Augenblick, der die Ewigkeit enthält. Das ist jedoch nicht als die „ewige Liebe zu ein und demselben Partner“ zu verstehen. Diese Liebe gibt es nur von Augenblick zu Augenblick, und jeder Augenblick ist anders.
Diese Liebe dauert nur ewig, wenn sich die beiden Menschen immer wieder neu begegnen können.
Mythos 6: „Eifersucht gehört zur Liebe“
Wir halten die Eifersucht als eine Begleiterscheinung der Liebe, die uns weismachen soll, daß wir den Partner lieben. Sie soll uns als Beweis dienen, aber hinter der Eifersucht verbirgt sich die Angst, das, was man liebt, zu verlieren, nicht mehr geliebt zu werden, weil ein anderer Mensch dazwischentritt und mir das „Liebesobjekt“ oder auch nur einen Teil davon wegnimmt.
An der extremen Eifersucht ist die egoistische Einstellung besonders gut zu erkennen, aber auch die extreme Angst, den Partner nicht genügend an sich binden zu können. Der extrem Eifersüchtige ist auf jede Liebe des Partners eifersüchtig, nicht nur auf eine vielleicht erotische Beziehung zu einem andern Menschen, sondern auch auf seine Beschäftigungen, Hobbys, Sportart etc.
Die Eifersucht erscheint als normal, vor allem weil sie so weit verbreitet ist, da eigentlich jeder schon einmal die Qual der Eifersucht an sich selbst erlebt hat. Sie wird deshalb akzeptiert und für psychisch normal und gesund gehalten.
Läßt man diese Vorurteile jedoch einmal beiseite, so ist die Liebe ein seelischer Vorgang, der mit Eifersucht zunächst nicht automatisch verknüpft ist. Wenn ich liebe, dann spüre ich ein positives Gefühl der Zuneigung, Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und auch Respekt. Ich will den Menschen zunächst nur lieben, ihm meine Liebe geben, ich will ihn also nicht besitzen, formen oder einschränken. Ich bin bereit zu fördern und zu schenken. Danach entsteht der Wunsch, selbst gefördert zu werden und zu bekommen. Geht der Wunsch in Erfüllung und einigt man sich auf eine gegenseitige Liebe, so meldet sich bei den meisten Menschen der Besitzanspruch: „Ich liebe ihn, er liebt mich, nun gehört er zu mir und ich zu ihm“. Dieser Besitzanspruch ruft jedoch Eifersucht herbei, und daraus entsteht großes seelisches Leid für beide Partner. Der Besitzanspruch an den Partner resultiert jedoch aus der Konsum- und besitzorientierten Gesellschaft, in der der Besitz von Konsumgütern eine Selbstverständlichkeit darstellt, und die Übertragung auf das Liebesobjekt scheint daher auch verständlich, denn jede Liebe läuft auf eine Entscheidung zu einer Ehegemeinschaft hinaus, die zu einer Wirschaftsverwaltung wird, in der gemeinsamer Besitz angeschafft wird.
Die Liebe ist in ihrer reinen Form jedoch am schönsten, wenn sich zwei Menschen ohne Gedanken an Besitz begegnen und nur sich selbst sehen, also sich und den anderen nicht als Ware betrachten. Diese hängt auch sehr entscheidend mit den Kindheitserfahrungen zusammen und der in dieser Zeit vorherrschenden Angst, schutzlos der Umwelt und ihren Gefahren ausgeliefert zu sein. Die Angst davor, die Liebe der Eltern zu verlieren, ist die erste erlebte Angst, die nebenbei auch mit materiellen Sicherheitsdenken verknüpft ist. Das Kind entwickelt ein Mißtrauen, das später auf den Partner übertragen wird, und die Angst, ihn zu verlieren, ist stets gegenwärtig. Es besteht kein vertrauen in die eigene Liebesfähigkeit und auch nicht in die des Partners. So geht die Kindheitserfahrung der mangelnden Liebe mit dem materialistisch Konsum- und Besitzdenken eine verhängnisvolle Einheit ein, und es erscheint „ganz normal“, daß man Angst hat, die Liebe als Besitz zu verlieren, und man eifersüchtige Reaktionen an sich und dem Partner erlebt.
Wer in der Liebe glücklich werden will, muß die Angst, nicht genug geliebt zu werden, und das Bedürfnis, das Liebesobjekt besitzen zu wollen wie einen materiellen Gegenstand aus seinem Denken verbannen und sich auf seine eigene Liebe konzentrieren. Denn Liebe will Liebe geben, fördern, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit schenken.
Mythos 7: „Die Liebe ist ein Ereignis des Schicksals“
Der Jugendliche erwartet von der Liebe eine schicksalhafte Begegnung mit einem Menschen, mit dem er das ganze Leben verbringen möchte, und der ältere Mensch mit langjähriger Eheerfahrung glaubt, daß ihm das Schicksal den „richtigen“ oder „falschen“ Partner beschert hat.
Man glaubt an dieses schicksalhafte Ereignis, den Glauben an den „einen Partner“, der zu einem paßt wie der Deckel auf dem Pott.
Fast jeder glaubt, daß es diese „Bestimmung füreinander“ gibt, und fast jeder sucht mehr oder weniger verzweifelt und unbewußt danach. Denn von Kindheit an sind wir durch Informationen der Eltern, durch Romane, Illustriertentips oder den Medien auf diesen Gedanken von der „einen großen, schicksalhaften Liebe“ festgelegt.
Um mit diesem Vorurteil aufzuräumen, muß man intensiver über die Liebe nachdenken. Die Liebe ist nicht etwas, daß schicksalhaft über den Menschen hereinbricht als ein Ereignis, das von außen kommt, als eine Bestimmung, der man deshalb willenlos ausgeliefert wäre. Liebe ist immer eine Frage der Bereitschaft, offen und aufgeschlossen zu sein, den anderen in mich aufnehmen und dazu bereit sein, ihn möglicherweise zu lieben.
Die Bereitschaft, sich zu verlieben, erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß bei einer Begegnung Verliebtheit entsteht. Diese Bereitschaft ist eine wichtige Voraussetzung für Liebe und zerstört schon einen Teil der Schicksalgläubigkeit.
Wenn ein Mensch liebesfähig ist und Bereitschaft zur Liebe besitzt, dann kann er sich leicht verlieben, und jede Verliebtheit hat zunächst die gleiche Qualität. In diesem Stadium findet noch keine Bewertung statt. Sie folgt erst etwas später, wenn die sexuelle Intimität erfolgt ist und man mehr voneinander weiß. Dann folgt der Verstand, der sich Gedanken macht: sozialer Status, Beruf, Weltanschauung, Religion, Lebensphilosophie, Bildung, Geld etc.
Diese Gedanken haben jedoch nichts mit Liebe zu tun. Man macht sich vielmehr Gedanken darüber, ob man mit diesem Menschen eine Partnerschaft eingehen und eventuelle eine Ehe gründen will. Dann setzt der verstand ein mit der Frage, ob dies nun die große Liebe ist? Man muß sich darüber klarwerden, daß dies nichts mit der Liebe zu tun hat. Es ist eine Testfrage, ob der Partner meine Erwartungen der großen Liebe erfüllen kann. Kann er es nicht, so beginnt ein langsam fortsetzender Streit – und dann war es nicht die große Liebe.
Ein wirklich liebesfähiger Mensch, für den nur die Liebe zählt und der sich mit Bereitschaft und Offenheit anderen Menschen liebend zuwenden kann, ist nicht treu, schon gar nicht ein Leben lang. Treue gilt als unumstößliche Tugend. Ein guter Mensch hat treu zu sein – auch ein Vorurteil, das unter psychologischer Betrachtung nicht haltbar ist. Ein Mensch, der lieben kann, bleibt der Liebe treu, aber für ihn ist es wichtiger zu lieben, als treu zu sein.
Ein liebesfähiger Mensch kann denselben Menschen immer wieder lieben, aber er versteht nicht, warum er nicht gleichzeitig noch andere Menschen lieben dürfen sollte.
Wenn jemand die Natur und die Tiere liebt, so würden wir es eigenartig finden, vielleicht sogar krankhaft, wenn er ein ganzes Leben lang nur einen Baum, eine Landschaft oder eine Katze liebt. Es wäre dann für uns eine pathologische Fixierung.
Bei der Liebe zum anderen Geschlecht gilt diese zwanghafte Fixierung jedoch nicht als Krankheit, sondern als über jeden Zweifel erhabene, große, schicksalhafte Liebe. Ich betrachte dieses jedoch als Selbstbetrug, der nur möglich ist, weil wir diese schreckliche Angst haben, verlassen zu werden, nicht genügend geliebt zu werden, weil die Liebe ein ganz wunder Punkt in der Seele und in unserem Bewußtsein ist, weil wir auch Angst davor haben, selbst zu lieben, weil wir nach der Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft schielen, weil wir Geborgenheit suchen. Dafür sind wir bereit, uns selbst krankhaft zu fixieren und diese Fixierung von einem andern zu fordern.
Wir sind bereit, aneinander krank zu werden und, was als hoffnungsvolle Liebe begann, systematisch zu einem langen Leidensprozeß aneinander zu machen.
Die Liebe ist kein seltenes, einzigartiges Ereignis des Schicksals, sondern sie kann und sollte etwas Alltägliches sein. Der liebesfähige Mensch kann nicht nur eine oder höchstens zwei große Lieben erleben, sondern er kann sich sehr oft verlieben und zu vielen Menschen Liebe empfinden.






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