Dez 07 21

Die Liebe

* Dies war die Textabschrift eines Referates, das ich 1995 als Erstsemester während meiner Studienzeit (Kurs: „Emotionalität des Menschen“) gehalten habe. Es sind hierin Gedanken anderer Autoren integriert, teilweise zitiert; leider habe ich aber die Quellenangaben nicht mehr. Weil sich dieser Text auf meiner alten Homepage einer gewissen Beliebtheit erfreute, stelle ich ihn hiermit wieder zur Verfügung.

1. Einführung, 2. Mythen, Deformationen und Irrtümer der Liebe, 3. Das Wesen der Liebe (Versuch einer Definition), 4. Die Angst in der Liebe, 5. Sexualität und Liebe, 6. Psychoanalyse der Liebe, 7. Voraussetzung zur Bildung einer gesunden Liebe, 8. Epilog

1. Einführung

Dem Wort „Liebe“ begegnen wir in der Alltagssprache sehr häufig. Sowohl als Begriff wie auch als Phänomen ist es Gegenstand endloser Erörterungen – sei es im Lebensalltag, in der Kunst, in philosophischen Abhandlungen oder in unserer Umgangssprache. Trotzdem scheint es, als sei das Phänomen Liebe sehr schwer zu verstehen. Mehr noch: die Fähigkeit und Bereitschaft zu lieben, scheinen auf viele Probleme zu stoßen.

Die Psychologen, Psychoanalytiker, Soziologen und Anthropologen beschäftigen sich eher mit den aggressiven und hasserfüllte Gefühlen und erst in zweiter Linie mit der Liebe des Menschen.

Könnte es sein, dass Menschen sich – so paradox es auch klingen mag – geschützter fühlen, wenn sie sich mit Äusserungen von Hass und Zurückweisung als mit Gefühlen der Liebe konfrontiert sehen? Könnte es sein, dass dieses Bedürfnis, sich zu schützen, damit zu tun hat, dass die Liebe so verletzlich macht? Dass Hass und Destruktivität dagegen ein Gefühl von Stärke geben – auch wenn diese noch so trügerisch und in ihren Auswirkungen noch so desolat ist?

Die Problematik verschärft sich in dem Sinne, dass die Liebe den heute üblichen naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden kaum oder nur äusserst schwer zugänglich sind. Das heisst jedoch keineswegs, dass nichts Allgemeingültiges ausgesagt werden könnte.

Da die Liebe sich uns über das Erleben erschliessen, kann man nur beschreibend über sie berichten, die selbstsprechend immer subjektiven Empfindungen entspringen. Aber im Subjektiven – diesem Trugschluss dürfen wir nicht verfallen – liegt nicht zwangsläufig Unwahrheit oder Verzerrung der Realität. Wir sollten den Mut aufbringen, zu unseren subjektiven Erfahrungen zu stehen, denn das Subjektive ist die Basis unseres persönlichen Erlebens – das Werkzeug unserer Seele.

Die Liebe ist keine Angelegenheit des Verstandes, sondern eine des Gefühls. Wir können noch so viel über die Liebe lesen und nachdenken, wenn es nur über den Verstand und das Denken aufgenommen wird, bleibt es ohne Wert. Sie ist ein elementarer Zustand, eine Emotion, die nicht vom Denken herbeizitiert werden kann.

Der Mensch ist das liebesbedürftigste Wesen der Welt. Und dieses Liebesbedürfnis behält er während seines ganzen Lebens. Zunächst ist er äusserlich darauf gerichtet, dass ihm seine primitiven Lebensbedürfnisse erfüllt werden, dass seine leibliche Existenz gesichert ist. Später zeigt sich dieses Bedürfnis mehr als eine seelische Eigenschaft, die sich in den verschiedenen Lebensjahren auf verschiedene Menschen richtet. Die Liebe ist eine Grundbedingung menschlichen Lebens. Jeder Mensch, ganz gleich ob jung oder alt, braucht Liebe, sucht Liebe und leidet unendlich, wenn er sie nicht findet, wenn er keinen Menschen hat, der ihn liebt und den er lieben darf. Dieses Leiden ist schlimmer als jeder körperlicher Schmerz, es ist der tiefe Schmerz der Seele.

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