Kategorie: Texte ↓

Mrz 08 4

Brief eines unbekannten Studenten

Bitte höre, was ich nicht sage !

Laß dich nicht von mir narren. Laß dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken, die ich fürchte abzulegen. Und keine davon bin ich. So tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Aber laß dich dadurch nicht täuschen, um Gottes Willen, laß dich nicht von mir narren.

Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles sonnig und heiter in mir, innen wie außen, als sei mein Name Vertrauen und mein Spiel Kühle, als sei ich ein stilles Wasser und als könne ich über alles bestimmen, so als brauchte ich niemanden. Aber glaube mir nicht, bitte glaube mir nicht ! Weiterlesen →

Feb 08 9

Wie schreibe ich moderne Prosa?

Ein Glaubensbekenntnis und ein technischer Ratgeber

- von Jack Kerouac -

  • Liste der unentbehrlichen Hilfsmittel
  • Geheime Notizbücher und lose Manuskriptseiten, die du zu deinem eigenen
    Vergnügen vollgekritzelt bzw. wild vollgetippt hast.
  • Gib dich jedem
    Eindruck hin! Öffne dich! Lausche!
  • Versuche, dich nie außerhalb
    deiner eigenen vier Wände zu betrinken!
  • Sei in dein Leben verliebt!
  • Etwas, was du fühlst, wird die ihm eigene
    Form finden.
  • Sei immer blödsinnig geistesabwesend!
  • Schlage so tief, wie du schlagen willst!
  • Wenn du etwas Unergründliches schreiben willst, hole es aus dem Grunde deiner Seele empor!
  • Die unaussprechliche Vision des Individuums.
  • Keine Zeit für Lyrik, aber genau Bescheid wissen.
  • Visionäre Krämpfe durchzucken die Brust.
  • Auge haftet in träumerischer Entrücktheit an vor dir befindlichem Objekt.
  • Beseitige literarische, grammatische und syntaktische Hindernisse!
  • Mach es wie Proust: Gehe mit dem Schatz deiner Erfahrungen und Erinnerungen hausieren.
  • Erzähle die wahre Geschichte der Welt im inneren Monolog!
  • Im Zentrum des Interesses leuchtet juwelengleich das Auge innerhalb des Auges.
  • Schreibe aus der Erinnerung und sei erstaunt über die Ergebnisse.
  • Geh immer vom Kern der Sache aus, schwimm im Meer der Sprache.
  • Finde dich mit Verlusten ab, und zwar für immer!
  • Glaube daran, daß die Konturen des Lesens heilig sind.
  • Es gilt, die Flut, die in deinem Innern bereits unversehrt existiert, aufzuzeichnen! Ringe darum!
  • Denke nicht gleich an Worte, wenn du dich nur unterbrichst, um das Bild besser sehen zu können!
  • Bleibe jedem Tag auf der Spur. Sein Datum schmücke deinen Morgen wie ein Wappenschild.
  • Empfinde weder Angst noch Scham, wenn es um die Würde deiner Erfahrungen, deiner Sprache und deines Wissens geht!
  • Schreibe, was die Welt lesen soll und worin sie genau das Bild sehen muß, was du dir von ihr machst.
  • Das Buch in Drehbuchform ist der Film in Worten, eindeutig die amerikanische Form
  • Sei des Lobes voll, wenn du in der frostig, kalten, unmenschlichen Einsamkeit einen Charakter findest.
  • Komponiere wild, undiszipliniert, rein! Schreibe, was aus den Tiefen deines Inneren aufsteigt!
    Je verrückter, desto besser!
  • Du bist allezeit ein Genie!
  • Autor und Regisseur irdischer Filme, vom Himmel finanziert und heiliggesprochen.
Feb 08 8

Wir sind ein Teil der Erde

Brennende Erde

Meine Worte sind wie Sterne…

Der Staat Washington, im Nordwesten der USA, war die Heimat der Duwamish, eines Volkes, das sich – wie alle Indianer – als einen Teil der Natur betrachtete, ihr Respekt und Ehrerbietung erwies und seit Generationen mit ihr in Harmonie lebte.
Im Jahre 1855 machte der 14. Präsident der Vereinigten Staaten, der Demokrat Franklin Pierce, den Duwamish das Angebot, ihr Land weißen Siedlern zu verkaufen; sie selbst sollten in ein Reservat ziehen.

Die Indianer verstanden das nicht. Wie kann man Land kaufen und verkaufen? Nach ihrer Vorstellung kann der Mensch die Erde nicht besitzen, so wenig, wie er den Himmel, die Frische der Luft oder das Glitzern des Wassers besitzen kann.

Chief Seattle, der Häuptling der Duwamish, antwortete dem “ großen Häuptling der Weißen“ auf dessen Angebot mit einer Rede, deren Weisheit, Kritik und bescheidene Hoffnung uns heute, fast 150 Jahre später, mehr denn je betrifft und betroffen macht.

„Meine Worte sind wie Sterne, sie gehen nicht unter“, sagte Chief Seattle.
Sein Volk hat nicht überlebt, seine Worte wurden nicht gehört.

Werden wir sie hören? Werden wir überleben? Weiterlesen →

Dez 07 21

Die Liebe

* Dies war die Textabschrift eines Referates, das ich 1995 als Erstsemester während meiner Studienzeit (Kurs: „Emotionalität des Menschen“) gehalten habe. Es sind hierin Gedanken anderer Autoren integriert, teilweise zitiert; leider habe ich aber die Quellenangaben nicht mehr. Weil sich dieser Text auf meiner alten Homepage einer gewissen Beliebtheit erfreute, stelle ich ihn hiermit wieder zur Verfügung.

1. Einführung, 2. Mythen, Deformationen und Irrtümer der Liebe, 3. Das Wesen der Liebe (Versuch einer Definition), 4. Die Angst in der Liebe, 5. Sexualität und Liebe, 6. Psychoanalyse der Liebe, 7. Voraussetzung zur Bildung einer gesunden Liebe, 8. Epilog

1. Einführung

Dem Wort „Liebe“ begegnen wir in der Alltagssprache sehr häufig. Sowohl als Begriff wie auch als Phänomen ist es Gegenstand endloser Erörterungen – sei es im Lebensalltag, in der Kunst, in philosophischen Abhandlungen oder in unserer Umgangssprache. Trotzdem scheint es, als sei das Phänomen Liebe sehr schwer zu verstehen. Mehr noch: die Fähigkeit und Bereitschaft zu lieben, scheinen auf viele Probleme zu stoßen.

Die Psychologen, Psychoanalytiker, Soziologen und Anthropologen beschäftigen sich eher mit den aggressiven und hasserfüllte Gefühlen und erst in zweiter Linie mit der Liebe des Menschen.

Könnte es sein, dass Menschen sich – so paradox es auch klingen mag – geschützter fühlen, wenn sie sich mit Äusserungen von Hass und Zurückweisung als mit Gefühlen der Liebe konfrontiert sehen? Könnte es sein, dass dieses Bedürfnis, sich zu schützen, damit zu tun hat, dass die Liebe so verletzlich macht? Dass Hass und Destruktivität dagegen ein Gefühl von Stärke geben – auch wenn diese noch so trügerisch und in ihren Auswirkungen noch so desolat ist? Weiterlesen →